Nichts ist möglich, Wartburg!





                      4. Juli 2011, von Henning Helmhusen




Wäre die DDR, der erste Arbeiterbonzenstaat auf deutschem Boden, vielleicht doch noch zu retten gewesen? Diese Frage stellen sich all diejenigen immer wieder, die befürchten, ohne die real existierende Globalisierungskritik mit Mauer, Stacheldraht und Selbstschussanlagen könnte dem Neoliberalismus die Alternative abhanden gekommen sein. Doch war der Untergang dieses von Josef Stalin so hoffnungsvoll ins Leben gerufenen gesellschaftlichen Experiments wirklich derart unabwendbar, wie immer behauptet wird?


"Nein", das meint wenigstens eine wachsende Schar von kritischen Historikern, die sich im Komitee für eine offene Debatte über den Sozialismus (KoDüS) zusammengefunden haben. Ihre Erkenntnisse laufen diametral gegen alles, was man bislang über die DDR zu wissen glaubte. Und dabei stützen sich die Wissenschaftler nicht nur auf Apriori-Herleitungen aus dem Kommunistischen Manifest, sondern auch auf eine akribische Sichtung der von ihnen zusammengetragenen Meinungen.


Eines der verblüffenden Erkenntnisse des KoDüS ist so zum Beispiel die Widerlegung der Legende, die DDR sei 1989 faktisch bankrott gewesen. Die Zahlen sagen etwas anderes. Hätte Erich Honecker beherzter gehandelt und 17 Millionen Untertanen à 100.000 Mark an die BRD verkauft, so hätte er damit 1,7 Billionen Mark erlöst. Von Bankrott kann hier also keine Rede sein. Und da sich das westdeutsche Bruttosozialprodukt -- zu jener Zeit bei etwa 3 Billionen Mark -- um denselben Betrag vermindert hätte, wäre es in dem Fall der DDR sogar gelungen, im Systemvergleich den Längeren zu ziehen.


Noch weitaus sensationeller als diese Einsicht aber ist der Nachweis, dass die DDR 1989 vor bahnbrechenden Fortschritten stand, die die Länder des sozialpartnerschaftlichen Lagers in arge Bedrängnis gebracht hätten. Hätte Schalck-Golodkowski "carte blanche" von seinen Oberen bekommen, dann stünden wir heute vor Montagsdemonstrationen verarmter Westdeutscher, die höhere Transferzahlungen aus dem Osten anmahnten. Nicht unberechtigt ist deshalb die Klage des KoDüS, der Sozialismus sei im Felde unbesiegt gewesen und nur durch einen Dolchstoß zu Fall gebracht worden.


Ein Bereich, in dem die DDR die Überlegenheit des planwirtschaftlichen Ansatzes beinahe bewiesen hätte, ist ausgerechnet die Automobilindustrie. Wie jeder westdeutsche Politiker aus eigener Erfahrung weiß: die Politik ist immer richtig, sie wird nur falsch vermittelt und von den Bürgern nicht verstanden. Und das genau war auch bis 1989 das Problem des Zentralkomitees der SED. Man war zwar in der Lage, Zweitaktmotoren zu fertigen, was im Westen kein Automobilkonzern zustandebrachte, aber diese Leistung an den Mann zu bringen, daran haperte es.


Doch nun weist das KoDüS nach, dass die Pläne zu einer umwälzenden Agitprop-Strategie bereits fertig in der Schublade lagen, mit deren Hilfe die westdeutschen Autokäufer in Massen in die Botschaften der DDR geflüchtet wären, um sich einen Platz auf den Wartelisten für volkseigene Karossen zu sichern. Freunde von Volkswagen sollten mit dem Werbespruch "er säuft und säuft und säuft" angelockt werden, während der Slogan "Crépiteur d'automobiles" auf die Fans französischer Wagen abzielte. Und damit nicht genug. Auch das junge Publikum hätte sich neuen Marken wie dem "Wartburg Iron Maiden" oder dem "Trabant Metallica" nicht entziehen können.


Leider kam es anders. Und deshalb gibt es heute die DDR nicht mehr. Aber wie Sarah Wagenknecht, die Sprecherin des KoDüS, vor der versammelten Presse ausführte, könne die Korrektur der verzerrten Geschichtsschreibung dennoch der entscheidende Schlag gegen den Neoliberalismus sein, der den Staat ins Abseits einer Staatsquote unter 50% drängen wolle. Man darf die Hoffnung eben nie aufgeben. Und ab jetzt wird es außer für verbohrte Manchesterliberale schwer werden, noch an die Unterlegenheit des sozialistischen Modells zu glauben.




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